Als Frau alleine auf Reisen: mein Erfahrungsbericht

Reisen ohne Begleitung, alleine, als Frau. Das ist für die meisten Menschen keine schöne Vorstellung, und wenn, dann klingt es komisch, gefährlich und vor allem einsam. Zumindest habe ich genau diese Reaktion bei vielen meiner Freunde und Bekannten beobachtet, als ich ihnen meine Pläne eröffnet hatte für zwei Monate alleine zu verreisen. Auch die Familie äußerte große Bedenken, um es sanft zu umschreiben. Dabei wollte ich in kein Kriegsgebiet sondern „nur“ nach Australien und Südostasien, immerhin relativ sichere Gegenden und gut entwickelt auch für einen Backpacker-Neueinsteiger wie mich. Die Frage, die mich auf dieser ganzen Reise begleitete, war:

Was macht uns so Angst vor dem alleine sein, vor dem alleine reisen?

Ist es der leere Stuhl gegenüber beim Abendessen im Restaurant? Oder ist es die Unsicherheit kein „back-up“ zu haben, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert und man vielleicht vor einem Problem steht, das es zu lösen gilt? Oft wurde ich auch gefragt, ob ich diese Reise denn genießen könnte, alleine und ohne es mit jemandem zu teilen. Denn das „mit jemandem teilen“ wäre es, was den Augenblick so kostbar macht? Doch ist das wirklich wahr?

Auf die Probe gestellt

Dieses Jahr habe ich mich auf die Probe gestellt und bin alleine nach Übersee geflogen, als erste Station Australien – Melbourne. Ich wusste, dass ich die erste Woche bei Freunden bleiben konnte und mir damit einen sanften Einstieg in das Solo Backpacker Reisen ermöglichte. Das gab mir Zuversicht. Doch nach der ersten Woche war es dann soweit: Sydney, Hostel, alleine. Doch wirklich alleine auch nicht, denn jeder der schon einmal in einem Hostel übernachtet hat, weiß, dass man dort nie wirklich alleine ist. Die ersten Tage in Sydney, nachdem das Adrenalin und die Freude in dieser tollen Stadt zu sein etwas abgeflaut waren, fühlte ich mich einsam.

Auch ein Anruf zu Hause brachte nicht den gewünschten Effekt. Alleine Sightseeing, alleine essen, spazieren gehen, schlafen… 24 Stunden alleine. Im Hostel lernte ich Leute kennen, aber die schienen mit sich selbst beschäftigt zu sein und zeigten kein großes Interesse daran mit mir länger als ein oder zwei Stunden zu verbringen. Das sollte sich später noch gravierend ändern. Das Gefühl verstärkte sich, als ich nach drei Tagen aus dem Hostel in ein Zimmer in einer Privatwohnung einzog wo ich die darauffolgenden sechs Tage verbrachte. Das hatte ich von zu Hause aus gebucht und somit keine andere Wahl. Dort war außer den Vermietern und dem anderen Zimmermieter niemand. Noch dazu waren die Vermieter selbst für einige Tage verreist und der Zimmerkollege war entweder unterwegs oder schlief untertags. Ich erfuhr später, dass er für eine Hochzeit eines Freundes angereist war. Das war dann letztendlich der Wendepunkt. Ich musste mich nun wirklich mit mir selbst beschäftigen. Es führte kein Weg daran vorbei.

Etwas mit sich anfangen

Also was tun mit sich selbst, was anfangen? Zu Hause konnte ich das auch, dachte ich. Doch hier gab es keine Termine, niemanden den ich kannte. Ich begann Pläne zu machen. Keine großen Pläne, einfache „to do’s“ um meine Tage zu füllen. Einmal war es ein Besuch im Aquarium, dann eine Stunde Yoga. Einen anderen Tag ging ich am Strand laufen, dann wieder fotografieren. Ich hatte meine neue Kamera dabei und konnte mir viel Zeit für die Einstellungen nehmen. Ich fand jeden Tag mehr Gefallen daran Zeit mit mir selbst zu verbringen, sich 100% auf mich zu konzentrieren, es zu genießen. Das war der Anfang von der besten Reise meines Lebens. Die Reise zu mir selbst, zu mehr Selbsterfahrung, Selbstbewusstsein um mit „allem eins zu sein“. Das steckt meiner Meinung nach in Wahrheit in dem Wort allein sein“ – mit „allem eins sein“ (Siehe dazu die Buchempfehlung weiter unten).

Jetzt, nachdem einige Monate vergangen sind und ich längst wieder in meinen Alltag gefunden habe, erinnere ich mich gerne daran wie es war alleine mit dem Rucksack unterwegs zu sein. Ich denke immer wieder an die vielen interessanten Menschen, die ich auf meiner Reise kennengelernt hatte, und die Gefühle, die ich als viel intensiver beschreiben würde. Intensiver deshalb, weil ich selten abgelenkt war von jemand anderem. Wenn ich auch viele Menschen traf, war ich dennoch dann alleine, wann ich es wollte und dann unter Gesellschaft, wann mir danach war. Ich war keinem verpflichtet. Ich konnte tun und lassen was ich wollte.

Auch kann ich mich erinnern, als ich ein Mädchen aus den Niederlanden kennengelernt und mit ihr gemeinsam einen mehrtägigen Segelturn gebucht hatte. Ich war froh, als wir uns wieder verabschiedeten. Nach einigen Wochen des solo-reisens, war es auf einmal beklemmend geworden auf jemand anderen Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu schließen, sich abzustimmen.

Es kam mir auf einmal wie ein Segen vor, selbst Entscheidungen zu treffen und genau das zu tun, worauf ich gerade Lust hatte.

Vielleicht ist es auch ungewohnt etwas alleine zu unternehmen, will man doch stets als beliebt und in guter Gesellschaft gelten. Auch sind es oft die anderen Menschen, die uns suggerieren, dass es eigenartig sei alleine ins Kino oder „einen Happen essen“ zu gehen. Doch ehrlich, was ist daran eigenartig? Jemand hatte vielleicht keine Lust auf Gesellschaft, jedoch Lust einen Film zu sehen oder auf eine Runde Sushi. Alles gut. Oder?

Kann man nur zu zweit genießen?

Zuletzt stellt sich mir noch eine Frage: Kann man etwas alleine weniger gut genießen als zu zweit? Ist es eine schönere Erfahrung wenn man Erlebnisse teilen kann? Schmeckt ein Schokoriegel weniger oder gleich gut, wenn man ihn gemeinsam isst? Ist ein Sonnenuntergang schöner, wenn man ihn mit seinem Partner gemeinsam erleben kann? Ich denke es gibt kein Ja oder Nein. Es ist, meiner Meinung nach, einfach eine andere Erfahrung. Einen Sonnenuntergang mit seinem Partner zu genießen, ist vielleicht deshalb schöner, weil es einem romantischer erscheint, aufgrund der Gefühle zu ihm oder ihr. Doch vielleicht genießt man den Sonnenuntergang ebenfalls genauso intensiv alleine, weil man sich weniger auf den Partner, sondern mehr auf die schönen und intensiven Farben und Farbreflektionen der Sonne konzentrieren kann.

Keine Frage, zu zweit ist es schön, wenn man mit einem Menschen zusammen ist den man mag, vielleicht liebt, und Schmetterlinge im Bauch spürt. Doch es kann mindestens genauso schön sein, mit dem Menschen zusammen zu sein, den man ebenfalls lieben sollte. Der Mensch, der immer da ist, mit dem man sein ganzes Leben verbringt. Man selbst.

Falsche Glaubenssätze

Ich denke, dass viele Glaubenssätze oftmals einfach übernommen und nicht mehr hinterfragt werden. Gängige Meinungen oder die Meinung der Eltern, Freunde, Professoren oder Kollegen werden zu den eigenen Meinungen, ohne nachzudenken ob es für einen selbst passt. Ich war zwei Monate alleine unterwegs und es war eine wahnsinnig bereichernde Erfahrung!

Es gibt viele Aspekte die beim alleine sein trainiert werden: man wird flexibler, selbst organisierter und lernt viel mehr auf Menschen zu zugehen, vor allem wenn man sich damit bisher schwer getan hat. Man hat viel Zeit für sich selbst, lernt sich besser kennen und erlebt das Reisen noch intensiver. Daher kann ich jedem raten: probiert es aus und ihr werdet überrascht sein!

Wenn Euch dieses Thema interessiert, dann lest meinen Artikel über die 7 Gründe alleine auf Reisen zu gehen. Für weitere Inspiration empfehle ich ausserdem folgendes Buch: Katrin, Zita: Die Kunst, allein zu reisen und bei sich selbst anzukommen.

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Liebe Grüße, Margarita

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14 Responses
  • Fotohabitate
    April 24, 2016

    Die meisten erwarten, dass andere gerne mit ihnen Zeit verbringen, sind aber nicht in der Lage auch nur einen Tag gerne mit sich alleine zu verbringen. Wenn man es aber liebt, alleine intensiv zu erleben, hört man auf andere mit seinen Erwartungen zu überfrachten. Die erfüllt man sich dann nämlich selber. Ein schöner und selbstreflektierter Artikel! LG Simone

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